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Eidg. Obligatorisches Schiessen



DAS RITUAL
Ein Artikel von tREXX

Alle Jahre wieder erfüllt ein grosser Teil der männlichen Schweizer eine leidige Pflicht. Ein Insiderreport von tREXX für alle Pflichtverweigerer, Daheimgeblieben, Mitleidenden und... Frauen.



Jahr für Jahr schultert jeder anständige männliche Schweizer Bürger sein Sturmgewehr und macht sich damit auf den Weg zum nächstgelegenen Schiessstand. Dort trifft sich dann, am Wochenende zu früher Stunde, eine bunte Mischung (niemand trägt Uniform) von Soldaten-Frischlingen und gestandenen Veteranen. Das Ziel ist bei allen das Selbe: 20 Schüsse auf eine 300 Meter entfernte Scheibe abgeben und, nach Möglichkeit, auch noch deren Mitte treffen. Der Name des Anlasses: Eidg. Obligatorisches Schiessen.

ZubehörDie Vorbereitungen für diesen ehrwürdigen Anlass fangen schon zu Hause an. Es gilt, die persönliche Waffe samt Zubehör zu finden, die man meistens gut versteckt hält. Ein Sturmgewehr ist eben nur bedingt als Dekorations-Element fürs Wohnzimmer geeignet. Jeder Soldat bekommt zudem Monate vor dem Ereignis einen Strichcode-Kleber zugestellt, den man tunlichst nicht verlieren sollte bis man ihn denn endlich gebrauchen kann. Bepackt mit Kleber, Schiessbüchlein, Dienstbüchlein, Gewehr, Magazin, Putzzeug und Gehörschutz macht sich Mann auf den Weg zum Schiessgelände. (Wer übrigens eine Möglichkeit sucht, in der Fussgängerzone auf sich aufmerksam zu machen, dem sei das offene Tragen einer Waffe wärmstens empfohlen.)

Damit schiesst manVor dem Schiessstand angekommen, wird der Soldat und sein Strichcode in einen bürokratischen Prozess involviert, registriert und zur Munitionsausgabe weitergeleitet. Je nach Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten besorgt sich der Schütze da zu den üblichen 20 Schuss ein bisschen Bonus-Munition, um vor dem offiziellen Programm noch ein wenig zu üben. Bonus gibt's fürs Üben auch bei dem Veranstalter des Obligatorischen: jede zusätzliche Patrone schlägt mit -.50 CHF zu Buche.

Ist man im Schiessstand angekommen wird erwartet, dass die persönliche Waffe zuerst gereinigt wird. Einige clevere Schützen behelfen sich damit den Dreck einfach aus dem Lauf zu schiessen, was jedoch mit einer verräterischen Rauchwolke quittiert wird. Andere sind überfordert mit der Aufgabe und holen Rat bei anderen Anwesenden ein. Überhaupt scheint der Umgang mit dem Gewehr vielen Problemen zu bereiten. So ist es nicht selten, dass Soldaten an dem Versuch scheitern, ihre Waffe zu laden - macht aber nix, das freundliche Stand-Personal hilft den Verlorenen geduldig und kompetent weiter.

Den Gehörschutz auf dem Kopf, stopft man nun die Patronen von vorhin in sein Magazin, steckt dieses in sein Gewehr, legt sich vor die 300 Meter entfernte Scheibe auf den Boden und wartet auf das Startsignal des freundlichen Stand-Personals. Manchmal vergisst das Standpersonal auch wieder, dass es kompetent ist und weiss nicht mehr so recht, auf was der Schütze denn nun schiessen soll und wie. Macht aber nix, nach kurzer Beratung sind sich die älteren Herren einig und der immer noch am Boden liegende Schütze bekommt Startfreigabe.

Zeit nervös zu werden! Schliesslich ist das Obligatorische nicht irgendein Spass-Anlass. Wer es nicht schafft, eine bestimmte Punktzahl zu erschiessen, darf noch mal antreten oder gleich zum Nachschiessen erscheinen (eine unangenehmere kantonal organisierte Form des obligatorischen Schiessens, an dem sich alle Nieten, Strichcode-Verlierer und Obligatorisches-Vergesser wiederfinden). Spätestens nach einigen Bonus Schüssen merkt man jedoch, ob man auf die Scheibe des Nachbars geschossen hat oder ins Schwarze trifft. Nach einem kurzem Nachlade-Vorgang beginnt der Ernst und die Scheibe wird mit allen Mitteln der Schützenkunst aufs Korn genommen. Je nach Gelingen schreitet auch mal das Stand-Personal ein und schräubelt am Visier der Waffe rum. In der Hoffnung, dass nur ein verstelltes Visier und nicht mangelndes Talent des Schützen Grund für das Verfehlen der Scheibe ist.


Die Auszeichnung20 Schuss später spuckt der Computer das Resultat aus und informiert den Schützen über seinen Punktestand. Das freundliche Standpersonal hat an dieser Stelle für jeden ein wohlwollendes, manchmal auch tröstendes, Wort parat. Mit dem Wisch aus dem Computer lässt man Schützen, Mündungsfeuer und Pulverrauch hinter sich. Auf zu den Bürokraten, die den Punktestand offiziell im Dienstbüchlein verewigen und besonders begabten Schützen eine bunte Urkunde überreichen, die sie von einer Endlospapierrolle abreissen und mit ihrer Unterschrift versehen.
Im Kleingedruckten der Urkunde steht übrigens, dass man eine Auszeichnung bekommt wenn man acht davon hat. Erinnert mich ein wenig ans Mondo-Punktesammeln: „Nur 8 Urkunden und Sie bekommen ein Bundesverdienst-Kreuz nach Hause geschickt!“.

In der Freiheit angelangt, befreit von Gehörschutz und Leistungsdruck, darf man sein Soldaten-Dasein, das ein wenig mehr als 30 Minuten gedauert hat, für ein Jahr vergessen. Vergessen darf man auch wieder, wo man sein Gewehr und Zubehör aufbewahrt, wie eine Waffe zu laden ist und die Frage, was es eigentlich bringt, einmal im Jahr auf ein 300 Meter entferntes stillstehendes Ziel zu schiessen. Eine Frage, mit der man sich lieber nächstes Jahr auseinandersetzt, oder das übernächste, oder...

Aktualisiert am: 7. September 2005
Erstellt am: 15. Oktober 2003
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